Interview mit rooom AG-Chef: Wieso eine Aktiengesellschaft für Start-ups sexy ist

Der Anbieter von 3D-Lösungen hat gerade eine Finanzierung von 4 Mio. Euro erhalten. Das Geld soll in die Skalierung fließen.

Hans Elstner hat 2016 die rooom AG in Jena gegründet, einen Anbieter für virtuelle 3D-Lösungen, der es 2020 unter die Top 50 Start-ups geschafft hat. Jetzt konnte rooom eine Finanzierung von 4 Mio. Euro stemmen. Im Interview erzählt Elstner, was er mit der Geldspritze anfangen will, wieso die Aktiengesellschaft eine gute Rechtsform für Start-ups ist und was er anderen Gründern empfiehlt.

Hans Elstner
Hans Elstner, Gründer und Vorstandsvorsitzender der rooom AG.

rooom hat gerade eine Finanzierungsrunde mit 4 Mio. Euro abgeschlossen. Was wollen Sie mit dem Geld anstellen?

Das, was alle Start-ups machen: Skalieren. Eine wichtige Skalierungsmaßnahme ist die Investition ins Marketing. Ein erheblicher Teil wird auch in die Entwicklung der Plattform fließen. Alles, was in Richtung Automatisierung und Skalierung getan werden kann, das werden wir tun. Wir setzen auch auf die Übersetzung und Internationalisierung der Plattform. Wir haben beispielsweise schon Kunden in China. Dort müssen wir jetzt Serverstrukturen aufbauen. Einiges wird auch in neues Personal fließen. Im laufenden Jahr haben wir schon einige Mitarbeiter eingestellt und sind jetzt 77 Leute oder knapp 50 Vollzeitäquivalente.

Einen Großteil des Geldes planen wir in den „Go to market“ in den USA zu investieren. Dort wird eine Tochtergesellschaft der rooom AG gegründet. Wir haben schon entsprechende C-Levels in den USA. Obwohl es auch in Deutschland noch viel zu tun gibt, gehen wir schon sehr, sehr früh in die USA und sprechen dort mit den ersten Unternehmenskunden mit 10.000+ Mitarbeiter. Denn in digitalen Märkten bekommt derjenige ein großes Stück vom Kuchen ab, der früh dabei ist.

Vielleicht können Sie uns noch kurz Ihr Produkt erläutern und worin Ihr USP besteht?

Wir haben eine Plattform geschaffen, mit der sich Experiences kreieren lassen. Dabei geht es im Wesentlichen um 3D-Visualisierungen, virtuelle Räume, aber auch virtuelle Produktpräsentationen, die wir für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzen können. Mit unserer Plattform lässt sich Immobilienvisualisierung, Produktvisualisierung für Onlineshops, Visualisierung von Museen, Wechselausstellungen und virtuelle Events umsetzen − mit dreidimensional begehbaren Lobbys und Messehallen.

Dann muss Ihnen Corona gerade recht gekommen sein, schließlich ist damit ein Push virtueller Veranstaltungen verbunden.

Die Corona-Pandemie hat am Anfang tatsächlich ziemlich weh getan. Wir hatten geplant, unsere Technologie auf Events und Messen vorzustellen. Unsere ganze Marketingstrategie basierte wesentlich darauf, zu Fachmessen zu gehen und dort als 3D-Lösung aufzutreten. Mit der Pandemie wurden alle Messen abgesagt und auch einige Kunden, mit denen wir schon einen Vertrag abgeschlossen hatten oder kurz davor standen, haben sich zurückgezogen.

Im Rahmen eines Hackathons haben wir eine Technologie entwickelt, mit der wir auch riesengroße Räume im Browser selbst von alten Geräten sehr gut darstellen können. Wir hatten die Idee, lasst uns das doch mal für Messen anbieten. Nach dem Hackathon hat uns die Messe Berlin gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, die IFA zu machen. Plötzlich haben wir die für mich bedeutendste Messe Deutschlands gemacht. Seither haben wir sehr, sehr viel Rückenwind.

Wie kommt man an eine Kapitalspritze von 4 Mio. Euro heran? Gibt es irgendwelche Tricks, die man anderen Start-up-Gründern verraten könnte?

In Deutschland ist unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich. Unsere Investorensuche im Seed-Investment hat ein gutes Jahr gedauert. Man darf nicht nach dem Motto planen: „In drei Monaten dürfte das Geld aus sein, da muss ich dann wohl langsam anfangen.“ Allein die Due Diligence-Prüfung dauert sehr, sehr lange. Wir haben viel gepitcht und vor vielen Leuten gesprochen. Wir hätten die 4 Mio. auch anderweitig zusammenbekommen. Dennoch haben wir uns bewusst für strategische Partner entschieden. Wir wollten Investoren, die uns Multiplikatoreffekte versprechen. Kann uns z.B. jemand Zugang zu den USA verschaffen? Viele Investoren sind auch auf uns zugekommen. Dabei hat geholfen, wenn man bei den Top 50 Start-ups aufgelistet ist. Pitch-Training, Geduld und langer Atem – das braucht man für den Erfolg.

rooom ist eine Aktiengesellschaft. Start-ups wählen fast immer die Rechtsform der GmbH oder UG. Wieso haben Sie eine AG gegründet?

Das haben wir tatsächlich ausgiebig diskutiert. Letztlich habe ich mich für die AG entschieden, weil eine AG eine enorme Reputation mit sich bringt. Ich bin mit meinem Denken sehr im Marketing verhaftet und die Rechtsform der AG hilft vor allem auch bei großen Unternehmenskunden weiter. Die fühlen sich auf einem anderen Level, wenn sie mit einer AG zusammenarbeiten.

Noch wichtiger ist, dass eine AG schon von hause aus sehr interessante Möglichkeiten mitbringt, Beteiligungen zu organisieren. Die Beteiligung von Mitarbeitern und Investoren ist ganz gut geregelt, denn das Aktiengesetz gibt eine ganze Menge vor. Für einen Investor ist das nicht immer luxuriös. Tatsächlich hatten wir auch solche Diskussionen mit einigen Investoren. Das Aktiengesetz gibt aber vor, wie ein Unternehmen bewertet wird, was ich in einen Vertrag hereinschreiben kann und was nicht. Dagegen ist der Investor bei einer GmbH wesentlich freier.

Bewertung ist bei Start-ups immer eine spannende Thematik. Bei der Aktiengesellschaft funktioniert das letztlich so: Was war der letzte Preis, den ein Investor für eine Aktie gezahlt hat? Das wird mit der Gesamtzahl der Aktien multipliziert. Auf diese Weise hat man zumindest eine grobe Orientierung, wie eine Firma mindestens zu bewerten ist. Das so zu machen, hat schon einen gewissen Grad von Sexyness.

Höherer Aufwand und höhere Kosten werden als Argumente gegen die AG angeführt. Wie schlimm ist das?

Bei der Gründung liegt der Aufwand etwa um den Faktor drei über demjenigen der GmbH; die Kosten liegen etwa doppelt so hoch. Im Unterhalt und im Betrieb ist der Aufwand gering und etwa anderthalbmal teurer als bei einer GmbH. Gerade die Instanz des Aufsichtsrates ist großartig, wenn man sie nutzt, um beraten und unterstützt zu werden. Diese Instanz ist bei uns hochkarätig besetzt und hat mir sehr viel gebracht.

Ein Gründer sollte sich auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Idee, die Annahme von Kritik und die beständige Veränderung und Überarbeitung einlassen. So entstanden unsere größten Innovationen.

Hans Elstner, Gründer und Vorstandsvorsitzender der rooom AG

Eigentlich werden Start-ups immer von Gründerteams ins Leben gerufen, bei Ihnen ist das anders…

Das ist nicht ganz richtig. Ich habe einen Mitarbeiter, der auf das Stammkapital eingezahlt hat. Das ist unser CTO Hendrik Lober, deswegen würde ich ihn als Mitgründer sehen. Ein erfolgreiches Produkt braucht m. E. aber immer ein Team. Neben dem CTO waren auch noch der jetzige CIO, ein Softwareentwickler und das ganze Team meiner eigenen Digitalagentur intensiv beteiligt. Wir waren also sehr viele Leute, die rooom gestartet haben.

In der Vergangenheit habe ich allerdings auch schon eine GbR und eine GmbH mit anderen Leuten zusammen zu gleichen Teilen gegründet und dabei nicht die besten Erfahrungen gemacht. Deshalb war es mir wichtig, ein Großteil der Unternehmung erst einmal selbst zu finanzieren.

Noch eine Frage zuletzt: Was ist Ihr bester Tipp an angehende Start-up-Gründer?

Dazu gibt es viel zu sagen. Eines ist der kritische Umgang mit der eigenen Idee. Gründer neigen dazu, eine Idee für die Lösung eines Problems zu haben, ohne zu evaluieren, ob es dazu überhaupt einen Markt gibt, wobei sie sich auf keine kritische Diskussion einlassen. Aber diese Diskussion muss geführt werden, denn man muss die Kritik annehmen und überlegen, wie muss ich mein Produkt verändern, damit es funktioniert. Eine Idee muss reifen. Wenn ich mich erinnere, was ich im Kopf hatte, als ich rooom gegründet habe und was heute daraus geworden ist, dann hat sich viel geändert. Das geht nur mit Kritik und Austausch von Ideen mit Mitarbeitern und Kunden. Start-up bedeutet Beweglichkeit.

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