„Bis Ende 2030 wollen wir 1 Mio. Tonnen unseres Materials auf den Markt gebracht haben"

traceless materials ist das erste allein von Frauen gegründete Start-up, das den ersten Platz bei den Top 50 Start-ups im Jahr 2021 gewonnen hat.

Die promovierte Prozessingenieurin Anne Lamp und die studierte Psychologin und MBA-Absolventin Johanna Baare haben 2020 traceless materials in Hamburg gegründet. In einem Interview erläutern beide ihr Projekt und welche Erfahrungen sie bei der Gründung gesammelt haben.

traceless materials Gründerinnen
Johanna Baare (v.l.) und Anne Lamp sind die beiden Gründerinnen von traceless materials.

Könnt ihr uns kurz erklären: Was macht ihr überhaupt bei traceless materials und worin besteht euer USP?

Anne: traceless ist ein neuartiges Biomaterial, was wir entwickelt haben und auch produzieren. Dieses neue Material hat die Besonderheit, dass es ganzheitlich nachhaltig ist. Vor allem ist es in der Umwelt in kürzester Zeit abbaubar und hilft damit die globale Plastikverschmutzung zu lösen. Gleichzeitig hat es Funktionalitäten wie Kunststoffe und kann diese in sehr vielen Bereichen ersetzen. Ganzheitlich bedeutet, dass das Material nicht nur schnell abgebaut wird und funktionelle Eigenschaften wie Kunststoffe hat, sondern in keinster Weise schädlich für die Umwelt ist, sollte es dort landen.

Es gibt ja verschiedene Wirkungsindikatoren von Nachhaltigkeit. Bei vielen grünen Lösungen ist heute ein Indikator erfüllt, indem das Material z.B. schnell abgebaut wird, andere aber nicht, indem es hohe CO2-Emissionen erzeugt. Wir haben dagegen bei allen Faktoren auf Nachhaltigkeit geachtet.

Woraus wird das Material gewonnen, was sind die Grundstoffe?

Anne: Wir nutzen Agrarreststoffe. Es sind Nebenprodukte, die bei der Lebensmittelproduktion anfallen – z.B. bei der Getreideverarbeitung. Diese benutzen wir als Ausgangsmaterial.

Anne Lamp, traceless materials

Verpackungen sind unser größter Zielmarkt, weil dort auch die größten Probleme bei der Umweltverschmutzung entstehen. Global gesehen landen 40 Prozent der Verpackungen in der Umwelt.

Anne Lamp, Mitgründerin von traceless materials

Wie muss ich mir das vorstellen? Kann man damit die Verpackungen von z.B. Supermärkten wie Fleisch, Käse etc. ersetzen?

Anne: Verpackungen sind unser größter Zielmarkt, weil dort auch die größten Probleme bei der Umweltverschmutzung entstehen. Global gesehen landen 40 Prozent der Verpackungen in der Umwelt. Unser Material kann viele Anwendungen bereits ersetzen, aber natürlich nicht alle. Denn bei manchen Anwendungen sind die Anforderung noch höher als das, was unser Material heute erreicht.

Wo lassen sich Kunststoffe konkret ersetzen?

Johanna: Langfristig ist unser Ziel, Plastik überall dort zu ersetzen, wo es in der Umwelt landen kann und es wichtig ist, dass sich das Material abbaut. Das sind vor allem Verpackungsanwendungen sowohl im Lebensmittel- als auch im Nichtlebensmittelbereich, aber auch Einmalprodukte genauso wie Beschichtungs- und Klebstofflösungen.

Wann wird die Produktion aufgenommen – zumal es ja bei der Ersetzung von Plastik auch um beträchtliche Mengen geht?

Johanna: Wir müssen natürlich unsere Produktion schnellstmöglich hochskalieren, weil wir in die Anwendung als Massenprodukt hineinkommen wollen.

Jetzt nehmen wir gerade unsere erste Pilotanlage in Betrieb, die in den Maßstäben der Plastikindustrie noch vergleichsweise klein ist. Sie ermöglicht uns aber, schon in diesem Jahr ausreichend Material zu produzieren, so dass wir erste Anwendungen in Piloten auf den Markt bringen können.

Habt ihr schon erste Kunden und wann werden die ersten Erträge generiert?

Johanna: Erste Erträge haben wir zum Glück jetzt schon, denn wir arbeiten mit den ersten Kunden bereits in der Produktentwicklung zusammen. Wir bringen dieses Jahr auch die ersten Produktpiloten auf den Markt wie z.B. mit der Otto Group.

Ihr habt die ersten Investoren wie z.B. den High-Tech Gründerfonds mit an Bord. Wie sieht eure Finanzierungssituation aus?

Johanna: Wir haben unsere erste Finanzierungsrunde, die Seed-Runde, in Höhe von etwas mehr als 1 Mio. Euro gedreht. Ende letzten Jahres haben wir darüber hinaus eine Zusage von der EU über eine EIC Accelerator-Förderung von noch einmal 2,42 Mio. Euro erhalten.

Der Anteil der Gründerinnen beträgt bei Start-ups oft durchschnittlich keine 20 Prozent. Reine Frauenteams sind noch seltener. Wie sind eure Erfahrungen damit?

Johanna: Generell ist es für Frauen nicht schwieriger ein Start-up zu gründen. Das stellt natürlich einen mutigen Schritt dar. Andererseits haben Frauen oft auch nicht die Vorbilder, eben weil es meist Männer sind, die gründen. Ein Grossteil der Start-up-Welt – inklusive der Investoren – ist männlich. Finanzierungen bekommen Frauen vielleicht manchmal auch schwieriger als Männer.

Bei Start-ups schauen die Investoren sehr genau auf die Team-Zusammensetzung. Persönlichkeiten und Vorqualifikationen spielen bei Venture Capital eine große Rolle. Kommen Frauen tatsächlich schwieriger ans Venture Capital heran? Wie sind eure Erfahrungen?

Johanna: Generell sind Anne und ich ein starkes Team, insofern dass wir uns von unserer Expertise her super ergänzen. Anne bringt den technischen und Nachhaltigkeits-Hintergrund mit und ich den wirtschaftlichen. Darum herum haben wir uns ein tolles, multidisziplinäres Team von zurzeit 20 Leuten aufgebaut. Daher bekommen wir im Moment auch ein sehr positives Feedback.

Was das Geschlecht angeht, glaube ich, dass das immer Vor- und Nachteile hat. Das hängt aber sehr davon ab, mit wem man gerade spricht. Bislang haben wir noch keine negativen Erfahrungen gemacht, sondern eher ganz viel Unterstützung erfahren.

Was würdet ihr anderen Frauen raten, die ein Start-up gründen wollen?

Johanna: Es sich trauen, sich zusammenschließen und es einfach machen. Ich habe es nie gemacht, aber ich denke, dass allein gründen ganz schön schwierig ist. Wenn man unsicher ist, dann kann man sich austauschen und gemeinsam überlegen, wie man eine Sache angeht.

Ihr habt einige Gründerwettbewerbe gewonnen. Was hilft es Gründern, an solchen Wettbewerben teilzunehmen?

Anne: Zu Beginn einer Gründung ist es wichtig, gut pitchen zu lernen, und zu schauen, was bei den Leuten oder der Jury ankommt. Dann wird es natürlich interessant, Preisgelder zu gewinnen. Im weiteren Verlauf, in dem Zustand, in dem wir uns jetzt befinden, hilft einem besonders weiter, Wettbewerbe zu gewinnen, die besonders prestigeträchtig sind. Auf diese Weise erlangt man einen Marketing- und Bekanntheitsvorteil.

Also sollte man möglichst an mehreren Gründerwettbewerben teilnehmen?

Anne: Gleich am Anfang sich für den Deutschen Gründerpreis zu bewerben, ist natürlich zu früh. Auf der anderen Seite sind wir mittlerweile zu weit, um uns für ganz kleine Preise zu bewerben. Einsteigern wollen wir dort auch nicht den Platz wegnehmen. Es kommen einfach ganz bestimmte Preise in Frage, je weiter man ist.

Johanna Baare

Generell ist es für Frauen nicht schwieriger ein Start-up zu gründen. Das stellt natürlich einen mutigen Schritt dar. Andererseits haben Frauen oft auch nicht die Vorbilder, eben weil es meist Männer sind, die gründen.

Johanna Baare, Mitgründerin von traceless materials

Welches ist euer Tipp an angehende Gründer?

Johanna: Tut es. Gerade Leute, die nachhaltige, gut durchdachte Lösungen auf den Markt bringen, können wir nur anregen, es zu tun. Zwar handelt es sich um einen großen Sprung, der mit häufigem Zittern, Unsicherheit und Ungewissheit verbunden ist, aber es ist auch ungeheuer bereichernd. Vor allem wenn man sieht, wie viele Leute sich einem anschließen und Lust haben, an einer solchen Lösung mitzuwirken. Wir brauchen auf jeden Fall mehr Leute, die tolle, ganzheitlich nachhaltige Lösungen auf den Markt bringen.

Abschließend noch: Wie sehen eure Zukunftspläne aus – nach dem Motto: Ende 2022 sind wir 50 Leute und machen 10 Mio. Euro Umsatz …

Johanna: Ganz so schnell geht das mit der Skalierung nicht, dennoch wollen wir so schnell wie möglich wachsen. Bis Ende 2030 wollen wir 1 Mio. Tonnen unseres Materials auf den Markt gebracht und 500 Stellen geschaffen haben.

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