Minimum Viable Product, genau das Richtige für Start-ups

Mit einem Minimalprodukt den Markt zu testen, das ist die Philosophie des MVP. Es hat weitere Vorzüge...

Mit einem Minimum Viable Product (MVP) lassen sich nicht nur das Produkt, sondern auch Preispolitik, Marketing- und Vertriebskonzepte und sogar das gesamte Geschäftsmodell mit wenig Geld und Ressourcen ausprobieren und optimieren. Das MVP-Modell scheint wie geschaffen für die Gründung eines Start-ups.

MVP
Mit einem MVP lässt sich mit wenig Geld ein Markt antesten (Photo by Jezael Melgoza on Unsplash).

1. Der Grundgedanke von Lean-Start-up

Wenn Airbus einen neuen Flugzeugtyp entwickelt, dann werden technische Entwicklung, Aufbau der Produktion, Marketing- und Vertriebspläne Jahre im Voraus mit Milliardenkosten gestemmt, bevor auch nur ein Euro hereinkommt. Angesichts der leeren Kassen der meisten Start-ups bleibt ihnen ein solcher Weg versperrt.

Unter anderem für finanzschwache Unternehmen hat Silicon Valley-Koryphäe Eric Ries das Lean-Start-up-Management entworfen. Demnach sollte ein Start-up erst einmal mit geringen Kosten und Ressourcen ein innovatives Produkt entwickeln und auf den Markt bringen, um es dann anhand des Kundenfeedbacks kontinuierlich weiterzuentwickeln.

„Beim MVP geht es darum, ein erstes Produkt zu erstellen, es auf die Leute loszulassen und dafür Geld zu kassieren“, erläutert Harald Wagner, Finanzcoach bei BayStartUP in München und Dozent an der Hochschule Landshut. Die Lean-Startup-Theorie ziele darauf ab, schlank zu bleiben, das Produkt in kurzen Entwicklungssprints weiterzuentwickeln und immer wieder am Kunden zu testen. Das Kundenfeedback wird bei jedem Entwicklungsschritt berücksichtigt. Auf diese Weise würden teure Entwicklungen vorbei an den Kundenwünschen und den Marktanforderungen vermieden. „Das Ziel ist, den Kunden als Co-Creator einzubeziehen“, erläutert Wagner.

Eric Ries und die Theorie des Lean Start-up

Eric Ries, geb. 1978, hat an der Yale University in Connecticut Informatik studiert und war „Entrepreneur in Residence“ an der Harvad Business School. Kommend aus der IT-Welt hat er die Lean Start-up-Methode entwickelt, nach der ein Programm nur bis zur Stufe des Minimum Viable Product entwickelt wird und dann als Beta-Version am Kunden getestet und weiterentwickelt wird. 2011 veröffentlichte er sein Hauptwerk „The Lean Startup“, womit er zu einem der führenden Köpfe der Lean-Start-up-Bewegung avancierte. Letztlich beruht hierauf auch das agile Programmieren.

2. Die Vorzüge des MVP-Modells für Start-ups

Auf diese Weise werden nicht allein die Entwicklungskosten verringert, sondern auch schon erste Erträge generiert. Da sich Start-ups namentlich in der Frühphase über das Geld der Gründer („Bootstrapping“) oder über Investoren aus dem persönlichen Umfeld („Family, Friends & Fools“) finanzieren, stellen frühe Erträge eine willkommene Erleichterung dar. Kein Wunder, dass das MVP-Modell gerade bei digital orientierten Start-ups beliebt ist.

3. Wie schlank ein Start-up sein kann

Dabei ist es schon erstaunlich, wie schlank ein MVP ausfallen kann. Wagner berichtet von einem Fitness-Start-up, das erst Gruppen in Social-Media aufgebaut hat, bei denen sich Leute im Park zum Fitnesstraining ohne Geräte getroffen haben. Das MVP bestand lediglich in einem kostenpflichtigen PDF zu den Übungen, das zum Download bereitstand. Erst anschließend habe man eine App entwickelt. „Das ist Super-Lean“, kommentiert Wagner. „Auf diese Weise kann man austesten, ob es für die eigene Idee überhaupt einen Markt gibt.“

Wie schlank ein MVP sein kann, hängt jedoch auch vom Wettbewerb ab. „Je umkämpfter ein Marktsegment ist, desto weiter muss ein MVP sein oder zumindest das Feature, mit dem es sich deutlich von der Konkurrenz abgrenzt“, ergänzt Wagner.

4. Das Problem mit der deutschen Mentalität

Trotz der vielen Vorzüge des MVP-Modells für Start-ups hat diese Idee in Deutschland mit Widerständen zu kämpfen. „Es stellt einen typischen Fehler von Start-ups dar, sich mit seinem Produkt nicht herauszuwagen“, berichtet Wagner. Regelmäßig würden Start-ups den Launch ihres Produktes verzögern, um keine Kunden abzuschrecken. „Das kann ich doch unserer potenziellen Zielgruppe nicht zumuten“, lautet nach Wagner ein klassischer Einwand. Ein wichtiger Grund für diese Einstellung sei die lange Ingenieurstradition in Deutschland. „Es entspricht einfach nicht unserer Mentalität, ein noch halbfertiges Produkt auf den Markt zu bringen.“

Davon unterscheidet sich die amerikanische Mentalität gründlich. Das Scheitern ist im angelsächsischen Unternehmertum viel salonfähiger als in Deutschland. Dort gilt das Motto: „Fail fast, fail cheap.“ Solange also mit dem Scheitern vergleichsweise geringe Kosten verbunden sind, ist alles in Ordnung. Dagegen erzählt ein Business Angel, dass in Deutschland ein Gründer nach dem Scheitern seines Start-ups verbrannt sei. Auch dies mag zur deutschen Zögerlichkeit beitragen.

Es entspricht einfach nicht unserer Mentalität, ein noch halbfertiges Produkt auf den Markt zu bringen.

Harald Wagner, Finanzierungscoach bei Baystartup und Dozent an der Hochschule Landshut

5. MVP hilft bei Entwicklung des Geschäftsmodells

Laut Wagner lässt sich mit einem MVP auch der Businessplan evaluieren und weiterentwickeln. Angesichts der Tatsache, dass die Geschäftsmodelle von Start-ups oft nach zwei Jahren deutlich anders aussehen als zu Anfang, stellt dies keinen kleinen Vorzug dar.

 

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Sobald das MVP funktioniert, rein in den Markt damit. Es dauert lang genug, bis das Geld kommt.

Pascal Milfeit, CEO Abcalis (Top 50 Start-up 2020)

6. Marketing und Vertrieb mit MVP testen

Obgleich es beim MVP zunächst einmal um die Produktentwicklung geht, erlaubt das Konzept doch wichtige Rückschlüsse auf die Marketingkonzepte und Vertriebswege eines Start-ups. Beispielsweise lassen sich die Kundengewinnungskosten (Customer Acquisition Costs) mit einem MVP ermitteln. Wagner kennt einen Fall, bei dem sich beispielsweise die Kundenakquise über Instagram-Kampagnen lohnte, während Google Adds einfach zu teuer waren.

7. MVP zeigt Finanzierungsreife eines Start-ups an

Marktfähigkeit des Produktes, Geschäftsmodell, Marketing- und Vertriebswege – keine Frage, mit einem MVP lassen sich viele Aspekte eines Start-ups testen. Dies ist umso wichtiger als Start-ups nach der Seed-Phase meist viel Kapital benötigen, um in die Wachstumsphase überzugehen und sie daher auf Investoren angewiesen sind. Für Wagner spricht somit das erfolgreiche Testen des MVP am Kunden für die Finanzierungsreife eines Start-ups. „Für viele potenzielle Investoren ist das von entscheidender Bedeutung“, weiß Wagner.

8. Die Grenzen des MVP

Obgleich das MVP für viele Start-up-Geschäftsmodelle wie maßgeschneidert erscheint, gibt es doch Grenzen. „Einen Bereich stellen medizintechnische Start-ups dar, wo Zertifizierungen erforderlich sind und es schlicht um Menschenleben geht“, warnt Wagner. „Ein anderer Bereich ist die Datensicherheit. Da kann man einfach nicht mit einem schlampigen Produkt ankommen.“

Doch auch dort gebe es Spielräume für die Philosophie des MVP. „So kann beispielsweise ein Datensicherheits-Start-up an den Markt gehen, bei dem zwar die sicherheitskritische Software Architektur zu 100 Prozent steht, aber noch lange nicht der komplette Funktionsumfang im Frontend für den Anwender", ergänzt Wagner.

9. Fazit:

Mit einem MVP wird nicht nur die Entwicklung eines Produktes zur Marktreife beschleunigt, sondern es lassen sich auch Marketing- und Vertrieb sowie das gesamte Geschäftsmodell testen und weiterentwickeln. Damit gilt es als Meilenstein beim Aufbau eines Start-ups und zeugt von seiner Finanzierungsreife. Folglich ist das Konzept besonders für kapital- und ressourcenarme Start-ups geeignet - allerdings nicht für alle.

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